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Die Prüf-App vom Polarkreis

Prüfen ohne Papier und Stift

„Wenn ich in Outokumpu prüfe, brauche ich kein Papier und keinen Stift mehr – und der Kunde bekommt seine Ergebnisse sofort digital geliefert“, sagt Vakkala. Dass dies möglich ist, liegt an einer App namens VALTO360 (siehe Infografik). „Bevor es VALTO360 gab, waren Inspektionen eine analoge Angelegenheit. Wir hatten einfache Kalkulationstabellen und der Kunde musste mindestens eine Woche auf seine Ergebnisse warten.“ Die App, die auf jedem Smartphone oder Pad läuft, macht es möglich, Messergebnisse sofort digital zu erfassen. Was VALTO360 aber so besonders macht, sind seine 360°-Panoramabilder: Wie bei Google Street View können Anlagen mit speziellen Kameras aufgenommen und kartografiert werden. Der Prüfer kann sich so auf seinem Handy virtuell durch das Werk bewegen und bekommt Messpunkte und Hinweise angezeigt, die er mit der realen Umgebung abgleichen kann. Das erleichtert die Arbeit besonders auf großen Geländen immens – wie in dem 14 Hektar großen Kaltwalzwerk in Outokumpu mit rund 850 Messpunkten. „Beim Prüfen sind wir meist auf uns allein gestellt – eine Karte gab es bisher nicht. Das machte es für uns bisher fast unmöglich, den Prüfer zu wechseln“, sagt Vakkala.

Wer hätte gedacht, dass es in Lappland so laut ist? Die Walzgerüste dröhnen, die Abluft bläst und schwere Bandstahlrollen fahren begleitet von lauten Warntönen auf automatisierten Wagen an ihren Zielort. Mit Ohrenschützern und Sicherheitskleidung ausgestattet, machen sich die DEKRA Prüfingenieurin Tiina Vakkala und Juha Raitanen, Experte für zerstörungsfreie Werkstoffprüfungen, im Kaltwalzwerk des Stahlwerks Outokumpu Stainless Oil in Tornio, Finnland, an die Arbeit. Alle drei Monate müssen die chemischen Rohrleitungen und Lagertanks im Kaltwalzwerk überprüft werden. Mit Hilfe einer Karte auf ihrem Smartphone navigiert die Ingenieurin zum ersten Ziel. Hier schweift ihr Blick über ein Labyrinth aus Rohren, Pumpen und Ventilen, bis sie entdeckt, was sie gesucht hat – einen kleinen QR-Code-Sticker. Während Raitanen sein Ultraschallgerät auspackt, um die Wanddicke des Flusssäurerohrs zu messen, scannt Vakkala den Code mit ihrem Handy. Auf dem Display erscheint ein Fenster für den Messpunkt. Hier kann Vakkala nicht nur die Daten der letzten Inspektionen einsehen, sondern auch gleich den neu gemessenen Wert speichern. Schon brechen sie zum nächsten Messpunkt auf.

Bevor es VALTO360 gab, waren Inspektionen eine analoge Angelegenheit.

Auch die Kunden profitieren von der App: Sie kommen nicht nur schneller an ihre Ergebnisse, sondern können das Programm auch um individuelle Anwendungen erweitern.

Für jeden Kunden individuell

Die 36-jährige Finnin hatte schon lange die Vision von einem digitalen Helfer. „Doch das, was ich mir vorstellte, gab es einfach nicht auf dem Markt“, erzählt sie. Aus diesem Grund legte Vakkala selber Hand an und entwickelte zusammen mit der Agentur Systems Garden VALTO360. Die App erleichtert aber nicht nur das Leben der Prüfer – auch die Kunden profitieren. Sie kommen nicht nur schneller an ihre Ergebnisse, sondern können die App auch individuell erweitern. „Zusätzlich entwickeln wir VALTO ständig weiter, um es noch stärker an die Kundenbedürfnissen anzupassen“, sagt Vakkala. Allein schon in Lappland ist das Interesse groß: Drei Kunden nutzen VALTO360 bereits, bei einem vierten wird es gerade eingerichtet.

Das Programm läuft auf jedem Standard-Endgerät – Internetzugang und Sicherheitsfreigabe vorausgesetzt.

Augmented Reality: Mit der Hololens ins Stahlwerk

Auch in der Zentrale in Stuttgart ist man mittlerweile auf VALTO360 aufmerksam geworden. Das große Büro von Andreas Grasse und Sebastian Rolf ist im Vergleich zum finnischen Kaltwalzwerk eine Oase der Ruhe. Grasse und Rolf sind Teil des „Digital Innovation Lab“. Ihre Mission: IT-Innovationen bei DEKRA zu fördern und voranzubringen. „Im März 2018 waren wir in Finnland, um in einem internationalen Workshop neue Ideen für die App zu entwickeln“, erzählt Grasse. Hierbei kam eines seiner „Lieblingsspielzeuge“ zum Einsatz: die HoloLens, eine sogenannte „Mixed-Reality-Brille“, die über Sprache und Kopfbewegung gesteuert wird. Sie könnte in der Zukunft ein mögliches Endgerät für VALTO360 sein. Der Prüfer bekommt alle Informationen – z. B. die Messpunkte – direkt in sein Sichtfeld eingeblendet und kann die Brille über Gesten steuern. „Außerdem besteht die Möglichkeit, einen Kollegen von außen auf die HoloLens zu schalten. Dieser sieht dann auf seinem Computerbildschirm im Büro dasselbe wie der Prüfer im Werk. Gemeinsam können sie so über ein Problem diskutieren oder sich Tipps geben“, erklärt Grasse.

Das Kundeninteresse ist gross

Grasse und Rolf sind überzeugt, dass VALTO360 auch über die finnischen Grenzen hinweg auf großes Interesse bei den Kunden stoßen wird. In Schweden ist das bereits der Fall: Hier arbeitet Jörgen Backersgård, Direktor für Business Innovationen bei DEKRA, mit seinem Team daran, VALTO360 mit einer weiteren Anwendung namens SAFEHUB zu verbinden – eine sogenannte „Field-Service-Management-Software“. Dabei handelt es sich um eine Plattform, die es den Prüfingenieuren u.a. ermöglicht, ihre Arbeit zu planen, sie effizient auszuführen und mit den Kunden und dem Back Office zu kommunizieren. „Wenn wir VALTO360 und SAFEHUB miteinander verbinden, steigern wir den Nutzen der zwei Systeme enorm“, so Backersgård. Die Markteinführung soll erst in Skandinavien stattfinden, da hier die starke Marktposition und Kundenbasis von DEKRA den Eintritt erleichtern. „Die ersten Kontakte mit den Kunden sind sehr positiv. Ich glaube, dass wir innerhalb weniger Jahre mehr als 500 Kunden haben werden“, ist Backersgård überzeugt. Tiina Vakkala kann manchmal nicht recht glauben, auf wie viel Interesse ihre Web-Anwendung stößt: „Ich bin begeistert, dass VALTO360 so gut ankommt“, sagt sie. „Es macht Spaß, die App immer weiter zu entwickeln und dem Kunden neue Lösungen zu bieten. Ich bin gespannt, wo die Reise noch hingehen wird

Mit Tiina Vakkala und der neuen Prüf-App auf Inspektionstour

Blick von oben: Das Werkgelände von Outokumpu Stainless Oil in Torino umfasst 600 Hektar. 50 Kilometer Fußgänger- und Fahrradwege gibt es auf der Anlage.

Direkter Absprung: Scannt der Ingenieur den QR-Code mit dem Handy, kommt er auf die ent sprechende Eingabemaske, um seine Messwerte einzutragen.

Einfacher orientieren: Mithilfe einer „Google Street View“-ähnlichen Funktion kann sich der Prüfingenieur problemlos in der Anlage zurechtfinden.

3 Fragen an Joakim Wikeby

Joakim Wikeby

Executive Vice President DEKRA Group, Service Division Industrial Inspection

Vom finnischen Lappland in die ganze Welt: Die Nachfrage nach VALTO360 ist bereits groß. Joakim Wikeby spricht über die weiteren Pläne zur Markteinführung der Webapplikation – und erklärt, was seine Service Division dazu bei-tragen kann.

VALTO360 stößt bei den skandinavischen Kunden auf großes Interesse.
Wie schätzen Sie die Nachfrage in
anderen Regionen ein?

J.W.
Intern haben wir schon Nachfragen aus vielen Ländern erhalten. Aber zuerst wird VALTO360 unserem bestehenden Kunden-stamm in Skandinavien angeboten – von dort aus werden wir weiter wachsen.

Was wären nun die nächsten Schritte, um VALTO360 in anderen Ländern auf den Markt zu bringen?

J.W.
Zunächst muss die App so flexibel werden, dass verschiedene Datenquellen oder andere Systeme integriert werden können – und sie muss sich leicht an verschiedene Dienste anpassen können. Wenn wir wollen, dass VALTO360 in anderen Ländern Erfolg hat, müssen wir die Schlüssel-personen in den Regionen so früh wie möglich mit einbeziehen.

Inwieweit hilft TOM 2020 dabei, diese Innovation voranzutreiben?

J.W.
Der Fokus der Service Division liegt zu einem großen Teil auf Innovationen und technischer Entwicklung. Davon profitiert ein innovatives Projekt wie VALTO360, weil der globale Vertrieb dieser neuen Dienstleistung voraussichtlich stärker vorangetrieben wird als zuvor.