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Roboterautos überholen Rennfahrer

„DTO 10 fährt jetzt auf die Grand-Prix-Strecke.“ Das Funkgerät in Norbert Kohlenbrenners Hand rauscht, während er auf eine Bestätigung wartet. Ein Warnschild taucht im Seitenfenster seines schwarzen Kombis auf: Achtung! Renn- und Testbetrieb. Lebensgefahr. Da meldet sich die Streckenaufsicht: „Bestätigt.“ Sachte lenkt Kohlenbrenner, der Leiter des Teststreckenbetriebs am Lausitzring, seinen Firmenwagen die letzten Meter bis zur Auffahrt. Dann beschleunigt er, hält auf die langgezogene Kurve des Tri-Ovals zu, hinein in das „Hörlitzer Eck“ – gewidmet den Hörlitzer Einwohnern, die in Hörweite des legendären „EuroSpeedway Lausitz“, wie der Lausitzring auch genannt wurde, wohnen.

Aufbruch in eine neue Ära: größte Prüf- und Teststrecke für automatisiertes und vernetztes Fahren fährt auf die Pole-Position.

Legendär ist die Rennstrecke, weil auf diesem Asphalt seit fast 20 Jahren internationale Wettkämpfe ausgetragen werden – von der DTM über die Superbike-WM und Formel 3 bis hin zum RedBull AirRace. Ende 2017 bekam der Lausitzring eine neue Funktion. DEKRA kaufte das Gelände zum angrenzenden Technologiezentrum (DEKRA Technology Center) hinzu. Kohlenbrenner nennt den Alltag seither „Testbetrieb mit Renncharakter“. Denn DEKRA macht eine Teststrecke aus der Rennstrecke. Unter der Woche prüfen rund 200 DEKRA Mitarbeiter Fahrzeuge bis zur Typzulassung – vom Pedelec bis zum Panzer. Für DEKRA ist der Standort ideal, um sämtliche Testverfahren aus einer Hand anzubieten: Motorenprüfstände, Abgasrollen für Messungen von Emissionen und Energieverbräuchen, Hallen für Sicherheitscrashtests oder spezielle Asphaltbahnen für Geräuschmessungen. In dieser Dimension gibt es kein vergleichbares Areal in Deutschland. Selbst europaweit sucht der Standort mit seinen etwa 540 Hektar, was mehr als 700 Fußballfeldern entspricht, seinesgleichen. Wochentags werden hier zurzeit bis zu 200 verschiedene Fahrzeuge getestet. An manchen Wochenenden im Jahr finden Veranstaltungen wie das DTM-Rennen statt. Bereits seit dem Jahr 2003 ist DEKRA am Lausitzring. Anfangs als Mieter, später als Pächter des Test-Ovals. Heute ist das Unternehmen Eigentümer der gesamten Anlage. Über die Zeit hat DEKRA einen hohen zweistelligen Millionenbetrag investiert, viele Jobs und ein Leuchtturmprojekt für die Region geschaffen. Die Gegenwart heißt nun: Sicherheit statt glühender Asphalt.

Der Fahrer wird zum Fahrgast

Für die kommenden Jahre ist ein Riesenschritt in die Mobilität der Zukunft geplant. Das gesamte Gelände wird zu einem Prüfzentrum für automatisiertes und vernetztes Fahren ausgebaut. Dafür arbeitet DEKRA eng mit der Deutschen Telekom zusammen, um die neue Kommunikationstechnologie – ein leistungsfähiges 5G-Netz – über das Areal zu spannen. Dieser Standard erlaubt es DEKRA und den Kunden, auf der seit 20 Jahren bewährten Strecke die Mobilität der Zukunft zu testen. Nicht mehr lange, dann kreisen selbstfahrende Autos über den Lausitzring. Die langen Geraden dienen als „Überland-Szenarien“. Das Renn-Oval wird zum „Autobahn-Szenario“. Jede Fläche kann zum „Stadt- Szenario“ umgebaut werden. In der Lausitz führt DEKRA sein breites Know-how mit dem von Partnern zusammen, um in den kommenden Jahren selbstfahrende Fahrzeuge sicher auf die Straßen zu bringen. Fahrzeuge, die im Optimalfall keinen Fahrer mehr brauchen. Fahrzeuge, die den Fahrer zum Fahrgast machen. Als Kohlenbrenner seine Runde um den Parcours des Lausitzrings beendet, biegt er ab auf eine kleine Nebenstraße: „DTO 10 hat die Grand-Prix-Strecke verlassen“, sagt er in sein Funkgerät. Er fährt vorbei am ehemaligen Fahrerlager, in dessen 55 Boxen sich heute Hersteller aus der ganzen Welt einmieten, um stunden- oder tageweise ihre Innovationen auf dem DEKRA Gelände zu testen. Etwa auf der frisch asphaltierten, blauschwarz schimmernden Fläche direkt davor. Hier bremst gerade ein SUV quietschend ab. Aus Sensoren und Kameras quellen zahllose Kabelstränge hervor. Wer da testet? Geheim. Was getestet wird? Geheim.

Seit 2003 ist DEKRA am Lausitzring. Anfangs als Mieter, später als Pächter des Test-Ovals und mittlerweile als Eigentümer. Denn Sicherheit will getestet werden.

Beifahrer ist der Computer. Tests zeigen, ob das Auto dem Radfahrer rechtzeitig ausweicht oder zuverlässig abbremst. Denn nur maximale Sicherheit schafft Vertrauen in neue Technik.

Das ganze Gelände ist abgeschirmt. Wer es betritt, muss die Handy kamera abkleben. Wo früher die Öffentlichkeit bis zur Zuschauertribüne fahren konnte, wacht jetzt Sicherheitspersonal an einer Schleuse, eingelassen in einen 2,20 Meter hohen, mit blickdichter Plane bezogenen Maschendrahtzaun. Der zieht sich um das ganze Gelände. Ist ein Prototyp angekündigt, erhält nur noch eine Handvoll Mitarbeiter Zutritt. Selbst für Geschäftsführer gibt es da keine Ausnahme.

Klare Vision: Die Mobilität der Zukunft sicher gestalten. Das heißt: testen, testen, testen.

Unterschiedliche Szenarien simulieren

„Das wird der Überlandkurs“, sagt Kohlenbrenner während der Wagen rumpelnd über eine breit ausgebaute Straße fährt, auf der sich die Jahre schon in den Asphalt gegraben haben. Er fährt vorbei an einer schlammigen Motocross-Strecke und an einer kreisrunden Fläche, auf der die DEKRA Prüfer Handling und Bremsverhalten eines Fahrzeugs prüfen. Kohlenbrenner passiert eine Geräuschmessstrecke und fährt entlang der ABS-Messstrecke, die mit drei Belägen beschichtet ist, um Glatteis, Trockenheit und Regen zu simulieren. Dann die Schranke.

 Sie öffnet sich automatisch und gibt das Renn-Oval dahinter frei. Zwei kilometerlange Parallelen, die sich in 42-Grad-Steilkurven treffen. Einzigartig in Deutschland – und deshalb genau richtig für DEKRA. „Das ist unsere Autobahnstrecke. Hier erreichen wir bei Tests Geschwindigkeiten von über 200 Kilometer pro Stunde und können Auf- und Abfahrten simulieren“, erklärt Kohlenbrenner. 

Überlandkurse, große Flächen für Stadtszenarien, Autobahnstrecken, das 5G-Netz – DEKRA hat in Klettwitz die klare Vision vor Augen: die Zukunft, die Mobilität sicher zu gestalten. Verantwortlich für diese Vision ist Volker Noeske. Sein Büro liegt gleich neben den Teststrecken, im ersten Stockwerk des DEKRA Technologiezentrums. Hier steht der fast 1,90 Meter große Standortleiter vor den Bildern an seiner Wand. Auf einem sieht man, wie er einen DTM-Rennwagen millimetergenau mit einem 3D-Arm vermisst. DEKRA ist seit vielen Jahren auch für die technische Abnahme der DTM-Boliden verantwortlich. 

Auf seinem Fenstersims liegt eine gelbe Prüf-Flagge mit den Unterschriften aller Rennfahrer der DTM. „Die Hersteller und Fahrer haben sich anfangs gewundert, was wir von DEKRA bei unseren Tests alles gefunden haben“, sagt Noeske mit einem Lächeln. Aber schnell sei allen Beteiligten klar geworden, dass DEKRA so für Sicherheit und Fairness sorge.

Kommunikation in Echtzeit

Noeske ist lange dabei. Seit 2008 leitet der heute 48-Jährige den Standort. Deshalb betreut er auch den Ausbau des 5G-Netzes: „Mit der Telekom werden wir hier Funkmasten platzieren, um den neuesten Mobilfunk-Standard und die damit verbundenen Services anbieten zu können.“ 5G ist fundamental für das autonome Fahren. Fahrzeuge können praktisch in Echtzeit mit ihrer Umgebung kommunizieren. Bislang war die Reaktionszeit zu lang, bis Informationen verarbeitet werden konnten. Mit 5G ändert sich alles. Noeske: „Es erlaubt unter anderem das ‚Precise Positioning‘, mit dem ich Fahrzeuge auf zwei Zentimeter genau lokalisieren kann“. 

Präzision durch Fortschritt: 5G ermöglicht „Precise Positioning“ bis auf 2 Zentimeter genau.

Selbstständig fahren können Autos auch „automatisiert“. Das bedeutet, das Auto selbst tastet die Umgebung ab. Es nutzt dafür die eigenen Sicherheitssysteme wie Radar, Lidar oder Kamera. Automatisiert fahrende Autos prüft DEKRA schon heute in Klettwitz. Nur haben die heutigen Systeme noch Grenzen. Schneit es etwa, können Kameras nicht mehr die weiße Fahrbahnmarkierung erkennen. Das Auto kann nicht mehr selbstständig die Spur halten. „Precise Positioning“ ist wetterunabhängig. Abhängig ist das System von der Kommunikation nach außen. Der nächste Schritt: Die Autos fahren dann vernetzt. Sie tauschen ununterbrochen Informationen mit der Umgebung aus – kommunizieren „vehicle-to-everything“. Das Auto verständigt sich mit Leitplanken, Ampeln und anderen Verkehrsteilnehmern. Es weiß dann längst von dem Kind, das hinter der nächsten Kurve spielt, obwohl die eigenen Sensoren nicht so weit reichen. Einfach, weil ein entgegenkommendes Auto die Information geteilt hat.

Fehlerquelle Mensch

„Der Mensch ist die größte Fehlerquelle im Straßenverkehr“, weiß Noeske. „Durch autonomes Fahren können wir diese Fehlerquelle vermeiden und damit der Vision Zero näherkommen. Keine Unfalltoten mehr und nur wenige Schwerverletzte.“ 5G hilft dabei: Dafür bestückt DEKRA die Infrastruktur mit Sensoren, die über das 5G-Telekom-Netz kommunizieren. Jedes Szenario, ob Stadt, Land, Autobahn, Metropole oder Dorf, lässt sich auf dem Gelände aufbauen. „Heute Schipkau, morgen Shanghai. Alles kein Problem“. Rund 70 Prozent der Mobilitätsszenarien der Zukunft kann DEKRA heute schon testen. Die restlichen 30 Prozent lassen sich mit dem Know-how der DEKRA Konnektivitätsexperten aus Málaga und der Telekom-Kooperation abbilden. „Wir bündeln unser Wissen – zum Vorteil aller Partner und für die Sicherheit des autonomen Fahrens“, sagt Noeske, der Herr des (Lausitz-)Rings.

3 Fragen an Volker Noeske

Volker Noeske

Leiter DEKRA-Technology Center in Klettwit​tz

Starkes Team für vernetztes Fahren – so Volker Noeske über das internationale Prüfnetzwerk von DEKRA. Wie eng ist die Verbindung mit den Kollegen im spanischen Málaga?

Was wird in Málaga getestet?

V.N.
In Málaga entwickelt DEKRA das Knowhow für das vernetzte Fahren in Klettwitz und auf anderen Strecken, mit denen DEKRA zusammenarbeitet, wie zum Beispiel in China. Der spanische Standort ist unsere Laborversion. Gemeinsam sind wir ein starkes Team für das vernetzte Fahren. Wir testen heute das automatisierte Fahren. Das heißt, die gesamte Sensorik ist im Fahrzeug selbst. In Zukunft geht es um Vernetzung. Das Fahrzeug kommuniziert auch mit der Umgebung. Mit der Leitplanke, der Ampel, anderen Verkehrsteilnehmern. In Málaga wird diese Kommunikationstechnologie getestet. 

Woher kommt die Erfahrung dafür?

V.N.
In Málaga prüfen die Kollegen seit vielen Jahren Wifi-Komponenten, Bluetooth- Verbindungen, Smartphones und Handys bis zur Zulassung. Mittlerweile auch sogenannte OnBoard-Units. Das sind die Gehirne der Fahrzeuge, die nach innen und außen kommunizieren. Ein besonderes Augenmerk liegt zudem auf Cybersecurity.

Wie eng ist die Verbindung der Standorte?

Es sind zwei Stränge in Klettwitz und Málaga, die seit 2019 noch enger gebündelt werden. Um das Testfeld für automatisiertes und vernetztes Fahren in Klettwitz aufzubauen, brauchen wir, nach spanischem Vorbild, mehr Softwareingenieure und Kommunikationstechniker.